Missgunst relativieren
Die ältere Generation kennt sie noch – die Rubrik «Hüttenbrief» von Andreas Gredig. Ach, wie habe ich seine Gedanken als Leser «hineingefressen». Darum habe ich mir lange überlegt, ob ich diese Rubrik wieder aufleben lassen soll. Jedoch sollte man Unvergleichliches nicht kopieren. Doch es gibt auch das Sprichwort: «Keine Regel ohne Ausnahme» – und diesmal gleich zweimal berücksichtigt. Deshalb erscheint auf Seite 4 und 5 wirklich nur ausnahmsweise ein Hüttenbrief und kein Grüner Draht.
Für einmal sitze ich alleine am Hüttentisch. In Gedanken versunken betrachte ich das Bild jenes Mannes, welcher uns sein Jagdhäuschen zur Verfügung stellt. Otmaros spitzbübischer Blick löst bei mir Wehmut aus (siehe Bild Seite 4). Wo sind die Urgesteine geblieben? Ich frage mich, ob ich zu wenig Zeit mit ihnen genutzt habe. Sie fehlen mir, obwohl gerade ich (zu) viele «Besucherchancen» verpasst habe.
Kein Otmaro, kein Arno, kein Hansruedi… …jagen mehr hier. Lük und mein Freund Pirmin ebenfalls nicht. Seit 16 Jahren kenne ich diese gutherzigen Bündner Jäger. Und genauso lange jage ich sporadisch in ihrem Jagdgebiet. Erinnerungen kommen hoch. Nie haben mir diese Charakterköpfe das Gefühl gegeben, ein unwillkommener Fremder zu sein. Auch nicht, wenn das Jagdglück mir hold war. Ich wurde von ihnen sogar zum Zmittag eingeladen. Und jetzt dürfen mein Sohn Mèn und ich in einer dieser Hütten logieren. Demut überkommt mich. Tiefe Dankbarkeit ebenfalls.
Trotzdem spüre ich Wehmut beim Anblick… …des herzensguten alten Jägers. Hat dies möglicherweise mit der Begegnung mit einem anderen Jäger zu tun? Jener hat mir am Tag zuvor unmissverständlich signalisiert, ein unwillkommener Fremder zu sein. Schon schweifen meine Gedanken rund um das Thema Missgunst. «Ein einziger, nur ein einziger», spreche ich am Hüttentisch leise vor mich hin. Meine zahlreichen Erfahrungen als Redaktor lassen aber meine negativen Gedanken glücklicherweise ins Positive umpolen. Die allermeisten Bündner Jägerinnen und Jäger begegnen sich respektvoll – obwohl der Gedanke des Jagderfolges logischerweise die meisten prägend begleitet. Ich denke dabei an Jürg, welcher nach einer schweren Rückenoperation zufrieden vor seiner Hütte sitzend auf Beute wartet und sich freut, mich zu sehen. Ich denke an seinen Jagdkollegen, welcher immer offen kommuniziert, wo er gerade jagen möchte. Ich denke an den Grossvater, welcher nicht mehr jagt, aber seine Enkelin als Jungjägerin freudestrahlend begleitet.
Und schon schweifen meine Gedanken… …zu einer sogar fachlich und menschlich betrachtenden lehrreichen Begegnung. Ich denke an Wildhüter Marcel, welcher die von Mèn und die von mir erlegten Gämsgeissen kontrollierte. Eine gute Aura lächelte uns entgegen. Mit hoher Kompetenz erklärte Marcel uns dies und jenes zu den vor uns liegenden Gämsen. Sein freundliches Auftreten war ansteckend, obwohl er als Wildhüter vorher intensive Arbeitsstunden geleistet hatte und daher nur wenig schlafen konnte. Ganz allein am Hüttentisch finde ich auch hierzu den Faden, die Arbeit dieser Berufsgattung wertzuschätzen. Ja, auch unsere «Aufpasser» haben mehrheitlich das Herz am rechten Fleck.
Text und Bild von Walter Candreia
